Mühle und Kleinwasserkraftwerk in Šlovice


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GESCHICHTE DES MÜLLERHANDWERKES

Das Müllerhandwerk gehört zu den ältesten in Böhmen. Manche Historiker datieren die Entstehung der ersten Wassermühle auf dem Gebiet unseres Staates schon ins 8. Jahrhundert. Aus dem Jahre 718 stammt eine Erwähnung der ersten Wassermühle Mitteleuropas, die von Zimmermann Halak für Müller Svach in Žatec auf dem Ohře Fluss gebaut wurde. Nach den Mühlen wurden häufig Ansiedlungen benannt, in welchen sich die Anlagen befanden. Stellvertretend nennen wir hier Melník (später Mělník), Mlýnce oder Mukoděly.

Älteste Halter von Mühlen waren Klöster und Grundherren, später kamen Städte und Obrigkeit hinzu. Die Mühlen wurden von diesen vorübergehend oder dauerhaft an die Müller verpachtet. Das Müllerhandwerk war als solches lange Zeit nicht unabhängig bzw. frei. Auf unterster Stufe standen sogenannte Müllerknechte, die für die Obrigkeit für Lohn und Brot gearbeitet haben. Etwas höheren Status hatten Müller mit einem bestimmten Entgelt bzw. Anteil am Ertrag mit dem sie den Aufwand des Mühlenbetriebs zu tragen hatten. Am besten erging es Müllern die einen festen Mietzins zu entrichten hatten. Eine solche Abgabe für eine Mühle wurde je nach Anzahl der Wasserräder bemessen und sie schloss auch unterschiedliche Dienste für die Obrigkeit ein. Eine wichtige Institution waren im Mittelalter sogenannte vereidigte Müller. Diese vermassen und eichten die Rinnen, Wehren und Stauanlagen und sie waren gleichzeitig Schiedsrichter in die Rechte und Pflichten von Müllern betreffenden Streitfällen.

Bereits während der Herrschaft von Karl IV. hatten Müller ihre eigene Zunftorganisation. Weil sie jedoch zu dieser Zeit noch nicht zahlreich und im ganzen Lande verstreut waren, trugen sie sich bei der Bäckerzunft in der nächsten Stadt ein. Auf diese Weise kamen bei manchen Zunftsiegeln neben dem bekannten Mühlenrad und Mülleraxt auch Brezeln, Semmeln und Lebkuchen hinzu. Die Aufnahmegebühren waren hoch. Für Schutz und Bruderschaft waren bis zu 3600 Groschen zu entrichten. Darüber hinaus musste der Kandidat bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Zum Beispiel wurde die Vorlage eines sogenannten „cejt“ und eines Dokuments über eheliche Zeugung verlangt. Der „cejt“ (aus dem deutschen „Zeit“) bestätigte, dass der Müller eine bestimmte Zeit lang – überwiegend mindestens ein halbes Jahr – als Meister in der Gemeinde tätig war, zu der die Mühle gehörte. Die zweite Forderung konnte mit Hilfe der sogenannten Bereinigung, die gegen eine Gebühr von der Obrigkeitskanzlei ausgestellt werden konnte, umgangen werden. Die Hauptforderung bestand allerdings im Ablegen einer anspruchsvollen handwerklichen Prüfung. Die sittliche Unbescholtenheit eines Müllers wurde als eine Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Auch nach einer Aufnahme mussten sich Müller nach sehr strengen Vorgaben der Obrigkeit richten, so dass die Verhältnisse im Müllerhandwerk nicht so idyllisch waren, wie es auf den ersten Blick erscheinen könnte. Ihre Zunft hatten nicht nur die Müllermeister, sondern auch die Gesellen.

Ein gelernter Müller, der Inhaber oder zumindest Pächter einer Mühle war, wurde „pan otec“ bzw. „Herr Vater“ genannt. Er stellte die wichtigste Person dar, die den Betrieb der Mühle leitete. Bei größeren Mühlen kümmerte er sich um geschäftliche Angelegenheiten, um Werbung, Investitionen und Entwicklung. Zum Arbeiten hatte er Helfer (Müllerburschen, Gesellen bzw. Meister) und Lehrlinge. In kleinen Mühlen hat der Müller selbst die Maschinen bedient und gemahlen. Die Müller waren sehr gebildete Menschen mit umfangreichen Kenntnissen aus vielen Fächern und mit handwerklichen Fertigkeiten. Sie mussten auch gute Geschäftsleute und Bauern sein, denn zur Mühle gehörte auch ein Hof. In der Gemeinde nahmen sie eine bedeutende Stellung ein, häufig wurden sie zu Bürgermeistern oder zu Richtern gewählt. Die anspruchsvolle Arbeit jedoch brachte eine Reihe von gesundheitlichen Problemen, wie Lungenverstaubung, Schwerhörigkeit, Rheuma und häufige Unfälle mit sich.

Der technische Fortschritt bahnte sich in den Mühlen nur langsam seinen Weg. Viele Mühlen überdauerten bis zum Ende mit wassergetriebenen Mühlrädern und mit Mahlwerken mit Mahlsteinen. Vor der Ernte musste eine Instandhaltung der gesamten maschinellen Einrichtung und der Wasseranlagen erfolgen, z.B. Reparatur der Wehr, Reinigung der Rinne, Ausbesserung von zerbrochenen Rinnengittern und Wechselzähnen an Holzzahnrädern, Austausch von Mühlradschaufeln, Schärfen von Mühlsteinen u.ä. Einen Fortschritt stellte die Einführung von Turbinen, Dampfantrieb und die sich fortwährend vervollkommnenden Mechanismen zur Reinigung des Mahlguts dar. Es wird erzählt, dass selbst Karl IV., der sich mit dem Bau von verschiedenen technischen Erfindungen beschäftigte, eine kleine eiserne Mühle baute und ist somit zu einem Vorkämpfer für die späteren Walzmühlen geworden. Bei diesen haben die Funktion der Mahlsteine Stahlwalzen übernommen, deren Einführung in den Mühlen im Laufe des 19. Jahrhunderts begann. Eine große Bedeutung spielten Mühlen bei der Elektrifizierung von Gemeinden. Viele Mühlen haben elektrische Energie für die öffentliche Beleuchtung geliefert lange bevor eine allgemeine Elektrifizierung angegangen wurde.

Im Jahre 1859 wurde mit dem Gewerbegesetz die Zunftordnung von Müllern abgeschafft. Danach haben sich Müllergemeinschaften angefangen zu bilden, und im Jahre 1883 wurde das Müllerhandwerk zu einem freien Gewerbe, womit ein Niedergang des Niveaus der Müllerhandwerks bei uns eintrat. Die Handelskammernstatistik aus dem Jahre 1885 registrierte in Böhmen 7 227 Mühlen mit 10 180 Arbeitern. Bis zum Anfang des 20. Jahrhundert sank jedoch die Anzahl von Mühlen auf 6 099, von denen 552 still standen. Im Jahre 1931 wurde das Müllerhandwerk zu einem handwerklichen Gewerbe erklärt. Später wurden Müller als Repräsentanten von Kleinbürgertum häufig verfolgt und nach Februar 1948 erfolgte eine Verstaatlichung von Mühlen und privaten Wasserkraftwerken. Im Rahmen von Restitutionen nach 1989 wurden die Mühlen ihren ursprünglichen Besitzern schrittweise übereignet, jedoch waren sie mehrheitlich nicht funktionsfähig und heruntergekommen. Derzeit werden in der Tschechischen Republik annähernd 550 kleine Wasserkraftwerke betrieben, was besonders im Hinblick auf ihren ökologisch vorteilhaften Einsatz im Vergleich mit anderen europäischen Staaten sehr wenig ist.


Dieser Artikel wurde gedruckt von der Internetseite der Mühle und des Kleinwasserkraftwerkes in Šlovice:
http://www.elektroskanzen-slovice.cz. Text © David Kozler, 2008–2010, Übersetzung © Dr.-Ing. Jan Mainzer, 2010